Einfach mitnehmen – Warum Jesu wichtigste Methode das gemeinsame Unterwegssein war

Das Prinzip der „Assoziation“: Jüngerschaft ohne Terminstress
Wenn wir heute an Jüngerschaft oder Evangelisation denken, denken wir fast reflexartig an Unterricht: an Kurse, Arbeitshefte, Seminarräume oder feste, wöchentliche Termine im Kalender. Und genau hier kapituliert unser Alltag. Wir fragen uns erschöpft: „Wann bitteschön soll ich neben 40 Stunden Arbeit, Familie, Haushalt und Gemeinde noch ein extra Jüngerschafts-Treffen unterbringen?“
Die befreiende Nachricht lautet: Jesus hat es nie so gemacht.
In seinem zeitlosen Klassiker The Master Plan of Evangelism (Des Meisters Plan der Evangelisation) analysiert Robert E. Coleman die Strategie Jesu. Sein zweites, fundamentales Kapitel widmet er dem Prinzip der „Assoziation“ – der schlichten, beständigen Gemeinschaft. Coleman bringt es auf den Punkt: Bevor Jesus seine Jünger aussandte, tat er etwas viel Grundlegenderes:
„Und er setzte zwölf ein, die er auch Apostel nannte, damit sie bei ihm seien und damit er sie aussende zu predigen...“ (Markus 3,14)
Oft übersehen wir die Reihenfolge. Bevor sie predigen sollten, sollten sie schlicht bei ihm sein.
90 Prozent der Zeit mit denselben Leuten
Coleman stellt fest, dass Jesus im Laufe seiner Dienstjahre der breiten Masse nicht mehr, sondern immer weniger Zeit widmete. Stattdessen investierte er sich zunehmend in eine Handvoll Menschen.
Er verbrachte tatsächlich mehr Zeit mit diesen wenigen Jüngern als mit allen anderen Menschen auf der Welt zusammen. Und wie sah diese Zeit aus?
Jesus gründete keine Akademie. Er mietete keinen Konferenzraum. Er lebte einfach sein Leben vor ihren Augen.
- Er ging mit ihnen über staubige Straßen.
- Er nahm sie mit zum Fischen auf den See Genezareth.
- Er hatte sie dabei, als er auf einer Hochzeit feierte, und als er an einem Grab weinte.
- Als er mit Pharisäern diskutierte, mit Zöllnern aß oder einen Bettler am Straßenrand heilte, standen seine Jünger daneben, schauten zu und lernten.
Coleman schreibt dazu einen unvergesslichen Satz: „Kinder werden nicht durch Stellvertreter großgezogen. [...] Es gibt schlicht keinen Ersatz dafür, mit Menschen zusammen zu sein.“
Die Kunst des „Mitgehen-Lassens“
Was bedeutet dieses Prinzip für deinen Alltag? Es bedeutet, dass du deinen Kalender nicht mit neuen Terminen überfrachten musst. Du musst dein normales Leben nur für andere öffnen.
Jüngerschaft und Mission geschehen nicht im Vakuum, sondern durch „Mitgehen-Lassen“:
- Musst du am Samstag in den Baumarkt? Frag nicht nach einem Kaffeetermin nächste Woche, sondern ruf den Nachbarn an: „Ich fahre kurz zu Obi, ein paar Schrauben und Holz holen. Hast du Lust mitzukommen? Danach trinken wir kurz einen Kaffee.“
- Du wechselst am Auto die Winterreifen? Hol den suchenden Jugendlichen oder Freund dazu: „Komm vorbei, wir machen das zusammen, danach werfen wir den Grill an.“
- Du gehst joggen oder kochst das Abendessen? Nimm jemanden mit auf deine Runde oder lass die Freundin beim Gemüseschnippeln in der Küche sitzen.
Glaube wird im echten Leben nicht nur gelehrt, er wird übertragen (auf Englisch: „Faith is caught, not taught“).
Wenn ein Freund dich beim Reifenwechseln fluchen hört, weil die Schraube klemmt, und sieht, wie du dich wieder fängst; wenn er erlebt, wie du mit der gestressten Verkäuferin sprichst oder wie du am Küchentisch ehrlich über Sorgen redest – dann lernt er mehr über Jesus, als zehn theologische Vorträge jemals vermitteln könnten.
Jesus zahlte mit seiner Zeit
Natürlich hat diese Nähe einen Preis. Robert Coleman verschweigt das nicht: Es kostet Bequemlichkeit. Wenn Menschen mit dir unterwegs sind, sehen sie deine ungeschminkte Realität. Sie erleben deine Müdigkeit, deine Macken und dein Chaos.
Aber genau das macht die Botschaft glaubwürdig. Eine sterile Kanzelrede kann jeder halten. Doch ein Leben zu teilen, das mitten im Trubel von Gnade, Geduld und Hoffnung geprägt ist – das ist die stärkste Predigt der Welt.
Fazit
Hör auf, nach freien Stunden in deinem Kalender zu suchen, um „Jüngerschaft zu treiben“. Fang an, die Dinge, die du sowieso tust, nicht mehr alleine zu tun.
Nimm Menschen mit. Lass sie zuschauen, wie du lebst, arbeitest, scheiterst, betest und wieder aufstehst. Denn die größte Entlastung des Evangeliums ist: Du musst kein Programm erfinden. Du musst nur sagen: „Komm einfach mit.“
Kernzitat zum Mitnehmen:
"Jesus bildete seine Leiter nicht am Fließband aus, sondern indem er Tag und Nacht mit ihnen ging. Es gibt keinen Ersatz für persönliche Nähe. Wer Menschen prägen will, muss sie mit in seinen Alltag nehmen." – (Frei nach Robert E. Coleman)
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