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Changed Lives|Jünger Machen
Gemeinde

Warum geschrumpfte Gemeinden nicht am Ende, sondern vielleicht am Anfang stehen

Jürgen Justus··
Titelbild 16 9@1x

Es ist Sonntagmorgen, kurz vor zehn. Drinnen sitzen vielleicht zwanzig Menschen, verteilt auf Stühlen, die für 100 gebaut wurden. Man kennt sich. Man grüßt sich herzlich. Und doch liegt über allem eine leise Frage, die kaum jemand laut ausspricht: Wie lange noch?

Viele Gemeinden in unserem Land kennen dieses Gefühl. Die Jugendgruppe gibt es schon lange nicht mehr. Die Kinderstunde ist eingeschlafen. Wer heute mitarbeitet, hat oft schon vor dreißig Jahren mitgearbeitet. Und wenn jemand fragt, was man denn noch bewegen könne, folgt meistens ein Seufzer.

Dieser Artikel will diesen Seufzer nicht kleinreden. Die Lage ist ernst. Aber er möchte einer anderen Stimme Raum geben, der Stimme der Hoffnung. Denn wer die Geschichte Gottes kennt, weiß: Er hat noch nie große Zahlen gebraucht, um Großes zu tun.

Die Frage, die alles verändert

Es gibt zwei Fragen, die sich jede kleine Gemeinde stellen kann. Die erste liegt nahe: „Was können wir wenigen schon tun?“ Sie klingt vernünftig, fast bescheiden. Und doch führt sie in eine Sackgasse, weil sie nur auf uns schaut: auf unsere Kraft, unser Alter, unsere Zahl.

Die zweite Frage ist mutiger: „Was kann Gott durch uns tun, an diesem Ort und in dieser Zeit?“

An der Lage selbst ändert sie zunächst nichts, wohl aber an der Blickrichtung. Plötzlich geht es nicht mehr um Mangel, sondern um Möglichkeit. Nicht mehr darum, was fehlt, sondern darum, wer da ist. Gemeindeforscher haben immer wieder beobachtet, dass Lebendigkeit nicht dort entsteht, wo viele sind. Sie entsteht dort, wo schon wenige Menschen ein starkes Bewusstsein dafür haben, dass Gott gegenwärtig ist und sie beruft.

Schon wenige reichen.

Gott hat eine Schwäche für die Wenigen

Wer die Bibel aufschlägt, stößt immer wieder auf dasselbe Muster. Gideon stammt aus einer unbedeutenden Familie in einem schwachen Stamm. Er soll ein übermächtiges Heer besiegen, und Gott schickt den größten Teil seiner Leute nach Hause. Übrig bleiben dreihundert Mann. Gerade diese Schwäche wird zur Waffe des Sieges, damit niemand sagen kann: Das haben wir geschafft.

Timothy Keller hat dieses Prinzip einmal so beschrieben: Gott wählt immer wieder die Schwachen aus und schenkt Rettung nicht trotz ihrer Schwäche, sondern durch sie.

Auch Jesus hat keine Großveranstaltung organisiert. Er hat zwölf Männer gerufen, gewöhnliche Leute, Fischer und Zöllner. Mit ihnen hat er gelebt, gegessen, gebetet und gelitten. Man könnte meinen, ihm habe die Vision gefehlt. Das Gegenteil war der Fall. Jesus hatte genug Vision, um klein zu denken. Aus diesen zwölf ist eine Bewegung geworden, die die Welt verändert hat.

Eine kleine Gemeinde ist deshalb kein Restposten, den man ordentlich abwickelt. Sie kann eine Keimzelle sein. Die Kraft liegt nicht in der großen Zahl, sondern in der kleinen.

Warte nicht auf die anderen

Ein amerikanischer Forscher hat Hunderte von Gemeinden untersucht, sterbende und wiederbelebte. Eine seiner Erkenntnisse klingt zunächst hart: Der Niedergang einer Gemeinde ist das gemeinsame Ergebnis vieler Einzelner, die beschlossen haben, nicht mehr zu gehen.

Darin steckt eine gute Nachricht. Wenn der Niedergang aus vielen kleinen „Ich gehe nicht“ entsteht, dann kann der Aufbruch aus vielen kleinen „Ich gehe“ entstehen. Und er beginnt nicht beim Pastor, nicht beim Vorstand, nicht bei „den Jungen“, sondern bei mir.

Ein missionarisches Leben braucht dabei weder Bühne noch Programm. Es zeigt sich darin, wie wir gehen und reden, essen und feiern, beten und arbeiten, Geld verdienen und Zeit verschenken, ganz gleich, wo wir gerade sind. Zum Beispiel:

  • beim Kaffee mit der Nachbarin, die seit dem Tod ihres Mannes so still geworden ist,
  • beim Besuch im Krankenhaus,
  • beim Gebet für die drei Familien in der eigenen Straße,
  • bei der Einladung zum Sonntagsessen.

Für ein missionarisches Leben braucht es keine volle Kirche, sondern ein offenes Herz und eine offene Tür.

Fünf Senioren und eine Wende

Eine der schönsten Geschichten über Gemeindeerneuerung handelt nicht von einem charismatischen jungen Pastor und nicht von einem neuen Gottesdienstkonzept. Sie handelt von fünf älteren Menschen.

Ihre Gemeinde schrumpfte seit Jahren. Man redete viel darüber, wer schuld sei. Irgendwann waren diese fünf Senioren es leid, das Klagen ebenso wie das Schuldzuweisen. Sie trafen sich und beteten, dass Gott ihnen einen neuen Weg zeigt. Dann gingen sie hinaus und suchten Orte in ihrer Stadt, an denen sie Menschen lieben konnten, die sie vorher nie gekannt hatten.

Ein paar Jahre später sagte man über diese Gemeinde einen einfachen Satz: Die Hoffnung hat die Angst ersetzt.

Ähnliches wird von einem Pastor erzählt, der mit Anfang sechzig eine Gemeinde von gerade noch zwanzig Mitgliedern leitete. Er wagte etwas Neues und gründete Kleingruppen. Die Teilnehmer waren zwischen sechzig und neunzig Jahre alt. Diese kleine, alternde Gemeinde in einer Kleinstadt begann, ihr Umfeld spürbar zu prägen.

Liebe ältere Geschwister: Ihr seid nicht das Problem einer überalterten Gemeinde. Ihr könnt ihr Anfang sein. Die Bibel kennt keinen Ruhestand vom Reich Gottes. Jeder Christ bleibt berufen, ein Leben lang. Und ihr tragt Schätze, die keine junge Gemeinde kaufen kann:

Zeit zum Beten. In keiner erneuerten Gemeinde fehlte eine kleine, aber kraftvolle Gebetsbewegung. Ihre Beter gaben nicht auf, als nur wenige kamen.

Erfahrung mit Gott. Ihr habt Krisen durchgestanden und Gottes Treue erlebt. Die nächste Generation braucht geistliche Mütter und Väter, die ihr davon erzählen.

Beziehungen und Gastfreundschaft. Gewachsene Freundschaften und ein gedeckter Tisch haben oft mehr Menschen zum Glauben geführt als jede Veranstaltung.

An die, die vorangehen: Bleibt

Wer eine kleiner werdende Gemeinde leitet, trägt oft eine stille Last. Man hat Enttäuschungen erlebt. Man hört Kritik von denen, denen alles zu schnell geht, und von denen, denen alles zu langsam geht. Abends stellt man sich manchmal die Frage, ob man eigentlich nur noch den Abschied verwaltet.

Euch gilt dieser Satz: Mit Menschen ist es unmöglich, aber bei Gott sind alle Dinge möglich. Das ist kein billiger Trost. Es ist der Grund, warum es sich lohnt weiterzumachen.

Leiter von Gemeinden, die eine Wende erlebt haben, haben bemerkenswert viel gemeinsam. Sie sind keine Supermenschen. Aber sie sind auf lange Sicht dabei. Sie geben sich mit kleinen Fortschritten zufrieden, und sie laufen nicht davon, wenn die ersten kritischen Stimmen laut werden. Über allem steht ein Bekenntnis, das sie immer wieder sprechen: Wir glauben von ganzem Herzen, dass Gott noch einen Plan für unsere Gemeinde hat.

Dazu kommt eine befreiende Einsicht. Du musst nicht alle Programme am Leben halten. Es ist besser, ein Jahr lang in zwei oder drei Menschen zu investieren, die lernen, was Nachfolge bedeutet, als ein Leben lang einen Betrieb aufrechtzuerhalten. So hat Jesus es gemacht. Aus der Tiefe wächst die Weite, und aus wenigen werden viele.

Die Kunst, lange Wege zu gehen

Seien wir ehrlich: Es dauert. Oft länger, als uns lieb ist.

Ein Pastor erzählte rückblickend: „Zeitweise ging es quälend langsam. Erst nach über zwei Jahren begannen wir, erste Veränderungen zu sehen.“ Zwei Jahre Gebet, Treue und Säen, ohne dass man viel sah. Wer das vorher weiß, gibt nicht nach sechs Monaten auf.

Gott arbeitet oft wie ein Samenkorn. Lange geschieht alles unter der Erde, verborgen und unscheinbar. Dann bricht etwas durch. Ein altes Sprichwort sagt: Wie isst man einen Elefanten? Bissen für Bissen. Veränderung geschieht selten auf einmal, sondern Schritt für Schritt.

Man kann das sogar nachrechnen. Wenn ein Mensch in einem Jahr einen anderen zu Jesus führt und begleitet, und beide es im nächsten Jahr wieder tun, dann ist aus einem Einzelnen nach zehn Jahren eine Bewegung von über tausend Menschen geworden. Gott misst nicht Tempo, er misst Treue. Treue im Kleinen führt zu Großem.

Fünf Schritte für den Anfang

1. Ehrlich hinschauen. Schönreden hilft nicht, Verzweifeln auch nicht. Zahlen sind nicht das Ziel, aber sie helfen, die Wirklichkeit anzunehmen. Erst dann kann Neues wachsen.

2. Mit Gebet beginnen. Gebet ist keine Pflichtübung vor der eigentlichen Arbeit, es ist die eigentliche Arbeit. Wer diese Phase abkürzt, baut auf Sand. Fünf Beter reichen für den Anfang.

3. Eine kleine Hoffnungsgruppe sammeln. Sucht die zwei, drei, fünf Menschen, die noch träumen können, und fangt mit dem an, was leicht gelingt.

4. Den Blick nach außen richten. Jeder betet für drei Menschen in seinem Umfeld und lädt einmal im Monat jemanden ein, zum Essen, zum Spaziergang oder in einen Hauskreis.

5. Feiern, erzählen, dranbleiben. Feiert jeden kleinen Anfang. Erzählt euch die Geschichten, in denen Gott gewirkt hat. Und bleibt dran, auch wenn es dauert.

Noch nicht fertig

Vielleicht seid ihr nur noch zwölf. Jesus hat mit zwölf angefangen.

Vielleicht seid ihr müde und grau geworden. Abraham war fünfundsiebzig, als Gott ihn rief, und Mose achtzig.

Vielleicht seht ihr seit Jahren kaum Frucht. Ein Samenkorn arbeitet zuerst im Verborgenen.

Am Ende entscheidet nicht, wie viele wir sind. Es entscheidet, wem wir vertrauen. Der Gott, der aus dreihundert Kämpfern eine Armee, aus zwölf Jüngern eine Weltbewegung und aus einem Grab einen Ostermorgen gemacht hat, ist auch heute noch derselbe.

Fangt an. Bleibt dran. Gott ist mit eurer Gemeinde noch nicht fertig.

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